Die Zöliakie, bei Erwachsenen
auch Sprue genannt, ist eine der häufigsten gastrointestinalen
Erkrankungen und charakterisiert durch eine lebenslange Überempfindlichkeit
gegen Klebereiweiß (Gluten/Prolamin) der Getreidesorten Weizen,
Roggen, Gerste und Hafer. Die immunologische Intoleranz gegen Gluten,
bzw. seiner alkohollöslichen Eiweißfraktion, dem Gliadin,
führt zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmmukosa,
einer Abflachung der Dünndarmschleimhaut und einem Abbau der
Zotten. Als Folge davon kann es zu Malabsorption mit Durchfall, Steatorrhö
und Gewichtsverlust kommen. Neben den klassischen Krankheitsverläufen
treten vor allem im Erwachsenenalter atypische Verlaufsformen auf,
die sich in unklaren abdominellen Symptomen, Haut-, Gelenkbeschwerden
oder migräneartigen Kopfschmerzen äußern können.
Eine intestinale Symptomatik kann dabei gänzlich fehlen.
Gingen ältere Publikationen von einer Häufigkeit der Erkrankung
von etwa 1:1000 bis 1:4000 aus, so zeigen eine Vielzahl neuerer Untersuchungen
eine Prävalenz von 1:100 bis 1:400, wobei ein Großteil
der Patienten geringe klinische Beschwerden aufweisen.
Divere Familien-, und Zwillingsstudien belegen eine starke genetische
Komponente bei der Zöliakie. So beträgt die Prävalenz
unter Verwandten ersten Grades zwischen 10-15 % und unter eineiigen
Zwillingen etwa 75%. Die stärkste genetische Prädisposition
wird durch Allele des serologischen Marker DQ2, einem MHC-Klasse
II Protein, vermittelt, wobei es als gesichert gilt, dass mindestens
ein weiteres, nicht HLA-gekoppeltes Gen, sowie diverse Umwelteinflüsse
ursächlich an Entstehung und phänotypischen Ausprägung
der Erkrankung beteiligt sind.
Bei den MHC-Klasse II handelt es sich um Zelloberflächenmoleküle,
die eine essentielle Funktion bei der immunologischen Erkennung
durch T-Helferzellen wahrnehmen. Kodiert werden sie durch die Gene
HLA-DR, -DQ und -DP. Jedes MHC Molekül besteht aus einer a-
und einer b-Kette. Im Falle des DQ-Moleküls werden die beiden
Ketten von den Genen HLA-DQA1 und HLA-DQB1 kodiert. Die DQA1 und
DQB1 Gene sind polymorph, d.h. von diesen Genen existieren in einer
Population eine Vielzahl unterschiedlicher Allele. Die serologische
Typisierung unterscheidet zwischen DQ1 bis DQ9, wobei nur die b-Kette
des DQ-Moleküls erkannt wird. Für die Assoziation mit
der Zöliakie sind im DQ2 Molekül jedoch beide Ketten wichtig.
Durch molekulargenetische Typisierung konnte gezeigt werden, daß
sich das Zöliakie DQ2-Heterodimer aus den Ketten a1*0501 und
b1*0201, codiert von den Allelen DQA1*0501 und DQB1*0201, zusammensetzt.
Etwa 95% aller Zöliakie Patienten tragen ein DQ(a1*0501/b1*0201)
Molekül gegenüber etwa 20% in der Gesamtbevölkerung.
Von den wenigen Zöliakie-Patienten (<5%), die kein DQ(a1*0501/b1*0201)
Molekül tragen, ist die überwiegende Mehrzahl positiv
für eines der DRB1*04 Allele (bei serologischer Typisierung
als DR4 bezeichnet).
Das Bestimmen des DQ(a1*0501/b1*0201) Moleküls ist für
die Zöliakie ein diagnostischer Marker, wie etwa HLA-B*27 für
die Spondylitis ankylosans. Bei Individuen mit gastrointestinaler
Malfunktion ist das Vorhandensein des DQ2-Moleküls ein deutliches
Indiz für Zöliakie, während die Abwesenheit ein Hinweis
auf eine andere Erkrankung ist. Insbesondere in Familien, in denen
Zöliakie gehäuft auftritt, gibt die HLA-Typisierung Aufschluß
darüber, welche Individuen ein hohes Risiko haben ebenfalls
an Zöliakie zu erkranken. Homozygotes Auftreten des Allels
DQb*0201 ist assoziert mit früherem Auftreten und schwererem
Verlauf der Zöliakie. Eine Genotypisierung ist die einzige
Möglichkeit um schnell diagnostische Maßnahmen zu ergreifen,
eine Verlaufsprognose zu erstellen und schwerwiegende Komplikationen
vermeiden zu können.
Eine frühzeitige Diagnose der Zöliakie ist äußerst
wichtig, um so früh wie möglich mit einer glutenfreien
Diät zu beginnen und so mögliche Spätfolgen der Erkrankung
zu vermeiden. Eine unbehandelte Zöliakie ist mit weiteren Autoimmunerkrankungen
wie z.B. dem Insulin-abhängigen Diabetes mellitus (IDDM) oder
der rheumatoiden Artritis (RA) assoziert. In diesem Zusammenhang
wird vermutet, dass die chronische Lymphozyten-Stimulation im Darm
der Zöliakie-Patienten in einer erhöhten Autoantikörper-Produktion
resultiert und deshalb die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen
begünstigt. So werden beispielsweise 3 bis 8% der IDDM -Patienten
positiv auf Zöliakie-assoziierte Autoantikörper getestet,
wobei mit steigendem Alter eine Erhöhung des Titers beobachtet
werden kann. Umgekehrt zeigen sowohl Patienten mit IDDM als auch
Personen mit RA eine Reduktion des Autoantikörper-Titers und
damit verbunden eine Verbesserung des Krankheitsbildes.
Die Genotypisierung der Allele DQa1*0501 und DQß1*0201 bzw.
DR4 zeigen zudem gegenüber der serologischen Testung von Antikörpern
gegen Gliadin, Endomysium und Gewebstransglutaminase einige wesentliche
Vorteile. Vor allem falsch-negative Ergebnisse, hervorgerufen durch
eine IgA-Defizienz oder bei Betroffenen mit nur leichter bis fehlender
Enteropathie, sowie bei Kindern unter 2 Jahren, können bei
der molekulargenetischen Allel-Bestimmung vermieden werden. Weiterhin
normalisieren sich alle serologischen Parameter nach ausreichend
langer glutenfreier Ernährung, womit die Genotypisierung die
einzige Möglichkeit bleibt die Diagnose zu überprüfen
bzw. zu bestätigen.
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weiterführende
Literatur
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